Von Berlin habe ich, obwohl ich früher sehr, sehr oft und mittlerweile wieder halbwegs regelmäßig hier bin, nie sehr viel gesehen. Das erklärt auch, warum in meinem ansonsten ganz passabel sortierten Fotoarchiv unter "Berlin" ungefähr nichts zu finden ist. Ich war zwar in der Stadt, habe aber vom Leben hier nichts mitbekommen, zumindest nicht vom wirklichen Leben. Stattdessen bin ich in vollklimatisierten Taxen zu vollklimatisierten Hotelzimmern gebracht worden, ehe ich mich am nächsten Tag in mein Büro begeben habe. Auch vollklimatisiert. Die Menschen, mit denen ich dann zu tun hatte, waren ungefähr so berlinerisch wie ein Weißbier. Das lag nicht zwingend nur an ihrer geographischen Herkunft, sondern daran, dass in meiner Branche in meinem Umgeld sich damals zumeist Leute bewegten, die einen BMW-Fahrer für einen Hartz IV-Empfänger hielten und einen Absacker mit 20-Euro-Cocktails in einer Bar, in der Jungs mit schwer verständlicher Aussprache, zerrisssenen Designerjeans und Poldifrisur bedienen, für eine ganz normale Freizeitbeschäftigung hielten.
Diesmal war einiges anders. Irgendwie war bei der Buchung des Hotelzimmers so ziemlich alles daneben gegangen, was man sich nur vorstellen kann (übrigens ist es immer wieder erstaunlich, wie schwer sich erwachsene Menschen mit Kommunikation tun, selbst dann, wenn es um die eher banale Frage geht, wer sich wann um das Hotelzimmer kümmert). Weswegen ich plötzlich in Neukölln landete und vor meinem geistigen Augen schon sah, wie mich Polizeibeamte aus den Fängen wildgewordener Rütlischüler befreien müssen. Neukölln ist dabei gar nicht so schlimm, wie man sich das nach diversen Reportagen bei Spiegel-TV vorstellen muss, eigentlich ist es sogar ganz schön, ein richtiger Kiez eben, mit vielen alten Bürgerhäusern und anderen Altbauten. Nur in zwei oder drei verschiedenen Straßenzügen sollte man sich eventuell abends nicht sehen lassen. Im Übrigen lerne ich daraus, dass es uns Journalisten nicht wirklich schadet, wenn wir ab und an mal wieder unseren Hintern in ganz normale Gegenden bewegen und uns dort ein Bild vom Leben machen, das "Bochard" ist vielleicht doch nur zum Promisightseeing geeignet.
Nachdem ich von diesen Nasen in den letzten Jahren genügend gesehen habe und auch nicht zu befrüchten steht, dass mir Begegnungen dieser Art in den kommenden Jahren ausgehen werden, beschließe ich diesmal, mir das unklimatisierte Berlin anzusehen. Aus den Fenstern eines Busses, kein Sightseeing-Bus, auch kein klimatisierter, nein: ein ganz normaler Linienbus von Neukölln nach Mitte (nein, falls der Einwand kommt: Vom Rütli-Neukölln habe ich nichts gesehen, mein Hotel ist ein ziemlicher Luxusklotz, nur eben weit draußen).
Mittendrin in der Busfahrt komme ich mir wie ein Alien vor. Kann das wirklich sein, dass ich jahrelang die Welt nur aus getönten Fenstern gesehen habe? Wird Zeit, dass sich das wieder ändert, denke ich mir, beschließe heute abend noch einen Besuch in irgendeinem Imbiss-Laden.
Genug gegrübelt. Da vorn kommt mein Ziel, willkommen zurück in der vollklimatisierten Welt.

Herzogspitalstr. 14 - 29. Sep, 23:08